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Im Gespräch

Die Theatermacherinnen

Theatermacherin Heinke Hartmann
Hilde Schneider

Die Theatermacherinnen Heinke Hartmann und Hilde Schneider haben im Jahr 2012 gemeinsam mit 20 Bürgerinnen und Bürgern jeden Alters und unterschiedlichster Herkunft das Theaterstück „Bürgerbeteiligung – Ein Lustspiel“ entwickelt. Ein Gespräch über das tragikomische Potenzial von Beteiligung, theatralische Trüffelschweine und den Mut zum Scheitern.

Wie entstand die Idee, Bürgerbeteiligung auf die Bühne zu bringen?

Hilde Schneider: Gemeinsam mit der Staatsrätin für Zivilgesellschaft und Bürgerbeteiligung, Gisela Erler. Sie wollte auch jenseits von runden Tischen, Planungswerkstätten und Bürgerhaushalten die Neugier an Beteiligung wecken und hat uns gefragt, wie das gelingen kann. Das haben uns die alten Griechen vorgemacht: Der Dichter Aristophanes hat schon vor 2.400 Jahren augenzwinkernde Aufklärung mittels Theater betrieben. Heinke Hartmann: Theater hat per se ein starkes Beteiligungsmoment. Erst im Zusammenspiel zwischen Regie und Schauspielern entsteht kreative Spannung. Das Besondere an unserem Projekt: Wir haben das Stück mit den Darstellern entwickelt, sie haben ihren persönlichen Blick auf Bürgerbeteiligung mitgebracht, ihre Skepsis, ihre Lust und Unlust, ihre Erfahrungen und ihre Enttäuschungen.

Wer beteiligt sich an so einem ungewöhnlichen Projekt? Wer sind die Mitspieler?

Heinke Hartmann: Eine absolut „durchschnittliche“ Truppe (lacht). Nein, ganz im Ernst: Wir haben beim Casting darauf geachtet, Junge wie Alte, Frauen wie Männer, Deutsche wie Migranten, Menschen mit wie ohne Behinderungen, „Un-Beteiligte“ ebenso wie bürgerschaftlich Engagierte zu gewinnen. Mit ihren Biografien spiegeln sie die Vielfalt unserer Gesellschaft wider und machen Bürgerbeteiligung zu einem lebendigen Lust-Spiel.

Liebe und Hass, Leben und Tod berühren den Zuschauer – aber Bürgerbeteiligung?

Hilde Schneider: Bei Bürgerbeteiligung geht es zwar selten um Leben und Tod, aber immer um starke Interessen – vom Volksentscheid zur Landesgründung vor über 60 Jahren bis hin zu Stuttgart 21. In Beteiligung steckt so viel tragikomisches Potenzial: Leidenschaft, Engagement, Hoffnung auf Veränderung – und natürlich die Gefahr des Scheiterns. Das ist doch der perfekte Theaterstoff.

Und wie haben Sie diesen Stoff für Ihr Stück gesammelt?

Hilde Schneider: Mit Offenheit fürs Unerwartete, fürs Unterschiedliche und für den Einzelnen. Wir sind mit unseren Darstellern ins Thema eingetaucht. Zu Beginn ging es vor allen darum, Beteiligung aus möglichst vielen subjektiven Perspektiven zu betrachten: Was bewegt mich? Warum beteilige ich mich – oder eben gerade nicht? Heinke Hartmann: Wir sind da ein bisschen wie Trüffelschweine. Wir folgen unserer Nase und buddeln nach theatralischen Leckerbissen. Eine Aufgabe an die Mitspieler war, einen „politischen Haushaltsgegenstand“ mitzubringen: Der eine spürt am Benzinkanister die Steuerpolitik, die andere trägt mit der Billig-Jeans ihr schlechtes Gewissen herum. Mit Übungen wie „Ich sehe mich noch, als ich das erste Mal wählen durfte“ haben wir sehr persönliche, eindrückliche Momente eingefangen. Während dieser ersten Probenphase wächst das Ensemble zusammen und der rote Handlungsfaden wird erkennbar.

Was war das Ergebnis?

Hilde Schneider: Ein sehr abwechslungsreiches TheaterShow-Spiel an außergewöhnlichen Orten. Das Stück wirft den Scheinwerfer auf Bürgerbeteiligung – mit schnellen Szenenfolgen, schrillen Figuren, unerwarteten Wendungen, filmischen und musikalischen Elementen. Wir zeigen – wie so viele Bürgerbewegungen ja auch – dass mit einfachen Mitteln vieles möglich ist. Wir spielen mitten im Publikum und machen die Zuschauer zu Beteiligten.

Und wann war Ihr theatralisches Beteiligungs-Experiment erfolgreich?

Heinke Hartmann: Wenn wir Bürgerbeteiligung für einen Abend aus dem Korsett planerischer Instrumente, theoretischer Ansätze und gut gemeinter Checklisten befreien und uns unterhaltsam in Erinnerung rufen: Die Demokratie lebt von Volkes Wille. Hilde Schneider: Wenn der Beteiligungsfunke von unseren Schauspielern aufs Publikum überspringt und sich die Zuschauer nicht belehrt sondern unterhalten fühlen. Und wenn vielleicht die Eine oder der Andere Lust bekommen, ihre eigenen Belange wieder ernster zu nehmen – ohne sich dabei selber zu ernst zu nehmen.