Die Unterrichtsversorgung in Baden-Württemberg stellt auch in diesem Jahr eine große Herausforderung dar. Für die weiterhin hohe Zahl zu besetzender Stellen sind vor allem zwei Gründe ausschlaggebend: So erfordert die Stärkung der Basiskompetenzen und der Ausbau der Sprachförderung (SprachFit) zusätzliche Stellen. Zugleich wachsen die Schülerzahlen aktuell noch an.
Kultusminister Andreas Jung sagte: „Beide Entwicklungen beanspruchen die Schulverwaltung enorm und sorgen dafür, dass das System unter Druck steht. Die Regierungspräsidien und die Schulämter sind auch jetzt noch mit viel Engagement dabei, die Bedarfe abzudecken. Die Einstellungen für das kommende Schuljahr laufen noch bis zum 30. September. Wir sind dennoch guter Dinge, dass wir die anspruchsvollen Aufgaben, die wir uns vor allem für den frühen Bildungsbereich vorgenommen haben, auch umsetzen können: Dazu gehören die Stärkung der Vorläuferqualifikationen, der sprachlichen Entwicklung sowie in der Schule die elementaren Fertigkeiten Lesen, Schreiben, Rechnen.“
Sprachförderung wächst kontinuierlich auf
Am Übergang Kita/Schule und im Grundschulbereich, wo sich aktuell die neuen Strukturen ausbilden, lassen sich die Größe der Aufgaben und die daraus resultierenden Bedarfe nachvollziehen:
Im Schuljahr 2026/2027 erfolgt der Ausbauschritt von 981 auf bis zu 2.000 Sprachfördergruppen. Damit sollen bereits in diesem Jahr bis zu 18.000 Kinder mit festgestelltem Förderbedarf vor dem Eintritt in die Schule gefördert werden. Für etwa 320 Gruppen konnten neue SprachFit-Lehrkräfte in der Tätigkeit einer Grundschullehrkraft gewonnen werden. Die zugrunde liegende verbindlich umzusetzende Rahmenkonzeption „Sprachförderung an der Schnittstelle Kindertageseinrichtung – Grundschule“ liegt zu Beginn des Schuljahres 2026/2027 überarbeitet und finalisiert vor.
Mit den Juniorklassen wird ab dem Schuljahr 2026/2027 eine weitere Maßnahme von SprachFit umgesetzt, die es vergleichbar bislang in keinem anderen Bundesland gibt. Ungefähr 4.000 schulpflichtige Kinder werden in etwa 280 Juniorklassen im Land auf einen gelingenden Schulstart und eine erfolgreiche Teilnahme am Unterricht der Klasse 1 vorbereitet. Bis zum Schuljahr 2028/2029 sollen insgesamt 832 Juniorklassen eingerichtet und somit jährlich mehr als 12.000 Kinder in der Entwicklung ihrer Vorläuferfertigkeiten unterstützt und fit gemacht werden für einen erfolgreichen Schulstart.
Die SprachFit 2+2-Stunden sind in der Kontingentstundentafel der Grundschule verankert und werden aufwachsend etabliert. Erstmals werden sie nun für alle Kinder umgesetzt, die 2026/2027 die erste Klasse besuchen. Ziel ist es, bei Kindern, die beim Eintritt in die Grundschule einen Förderbedarf mit Fokus Sprache aufweisen, die Sprachbildung zu verbessern und die Sprachkompetenz zu erhöhen, um auch ihnen einen gelingenden Schulstart und eine erfolgreiche Teilnahme am Unterricht zu ermöglichen.
Neben den bewährten Lesebändern wird der weitere Ausbau der Mathematik-Lernbänder „Mathe für alle“ im Schuljahr 2026/2027 umgesetzt. Damit werden diese auch im Mathematikunterricht der Klassenstufe 2 verbindlich. Neu kommt in Klasse 1 die verbindlich zu nutzende digitale Kartei „Mathe für alle“ hinzu, die Schülerinnen und Schüler durch interessante Unterrichtsmethoden und Übungsformen zur Beschäftigung mit Mathematik anregen soll. Die Mathematik-Lernbänder unterstützen und fördern den Erwerb der im Bildungsplan verankerten inhalts- und prozessbezogenen Kompetenzen, die Verstehensorientierung innerhalb des Mathematikunterrichts und die Basiskompetenzen aller Schülerinnen und Schüler.
Kultusminister Jung sagte: „Wir werden unseren ganzen Einsatz darauf lenken, dass unsere Kinder so früh wie möglich genau die notwendige Förderung erhalten, die sie benötigen. Denn wir wissen, dass Defizite, wie sie sich später in Bildungsstudien wie PISA oder IQB zeigen, am effektivsten am Anfang und idealerweise schon vor Beginn der Bildungskarriere behoben werden können. Und genau das ist unser Ziel.“
Damit dies gelingt, muss auch die Arbeit an der Erziehungspartnerschaft weitergehen. Dies geschieht mit der Elternbildung im Startchancen-Programm (SCP): Im Auftrag des Kultusministeriums setzen der Volkshochschulverband und ausgewählte Volkshochschulen die zentrale Maßnahme „Eltern stärken – Lernen fördern“ zur Stärkung der Elternbeteiligung im Rahmen des SCP um. Niedrigschwellige Angebote wie Elterncafés schaffen Begegnung und Vertrauen und erleichtern insbesondere Familien mit gering ausgeprägtem Bildungshintergrund den Zugang zu Schule und Bildungsangeboten. Darauf aufbauende Grundbildungsangebote für Eltern sollen alltags- und schulbezogene Themen aufgreifen und Kompetenzen in den Bereichen Sprache, Rechnen, Mediennutzung und Lernbegleitung fördern.
Nach einer Pilotphase an vier Volkshochschulstandorten (Stuttgart, Mannheim, Karlsruhe und Tuttlingen) wird das Projekt im Schuljahr 2026/2027 ausgeweitet: Ungefähr 50 Schulen im Land sollen künftig von den Angeboten profitieren. Dafür stehen in den Schuljahren 2026/2027 bis 2028/2029 jeweils 700.000 Euro zur Verfügung. Damit verbindet das Land Elternbildung und Grundbildung unmittelbar mit dem Schulalltag und stärkt Eltern in ihrer wichtigen Rolle als Bildungspartner ihrer Kinder.
Neuerungen an den weiterführenden Schularten
Mit dem neuen Schuljahr beginnt die Einführung und Umsetzung des verbindlichen projektorientierten Vorhabens „Engagement und Verantwortung“ in Klasse 7 bis 9 (einmalig) im Umfang von 2 Lehrerwochenstunden (LWS) an allen Hauptschulen, Werkrealschulen, Realschulen und Gemeinschaftsschulen des Landes, integriert in die Stundentafel der Fächer.
In diesen Schularten wird auch das Fach „Informatik und Medienbildung“ nun erstmals in Klasse 7 stattfinden.
Auch am Gymnasium wächst das neue Fach nach Klasse 5 und 6 in Klasse 7 weiter auf. Zum 1. August 2026 ist zudem ein Großteil der Bildungspläne für das neue G9 in Kraft getreten.
Schülerzahlen steigen aktuell noch an
Momentan laufen noch geburtenstärkere Jahrgänge durch das System. So haben im vergangenen Schuljahr etwa 400.000 Schülerinnen und Schüler in Baden-Württemberg (öffentliche Schulen) eine Grundschule besucht. Für das kommende Jahr wird ein weiterer Anstieg um etwa 5.000 Schülerinnen und Schüler erwartet.
Mit Ausnahme der Werkrealschulen wird auch in der Sekundarstufe I die Zahl der Schülerinnen und Schüler zunehmen. Die Prognose lässt eine Steigerung bei den Gemeinschaftsschulen um etwa 2.000 Schülerinnen und Schüler erwarten, bei den Realschulen ist ein Anstieg um ungefähr 4.000 Schülerinnen und Schüler zu erwarten.
Die Schülerzahl an den Gymnasien ist aufgrund geringerer Übergangsquoten um circa 2.000 Schülerinnen und Schüler leicht rückläufig, was neben der durch die Umstellung auf G9 entstehenden Minderbedarfe die Einstellungsmöglichkeiten an Gymnasien zusätzlich verringert. Unmittelbar sind weitere Rückgänge an den beruflichen Schulen (durch den schwachen Ausbildungsmarkt) und an den Werkrealschulen (durch die anhaltend geringe Nachfrage) zu verzeichnen.
5.050 Stellen sind besetzt – ein erneuter Anstieg zum Vorjahr
Im vergangenen Jahr konnten bis zum Schuljahresbeginn insgesamt 4.941 Stellen besetzt werden. Bereits damals bedeutete dies einen Sprung von 500 Einstellungen im Vergleich zu 2024. Diese Marke wurde in diesem Jahr nun nochmals übertroffen. Bereits zum 28. August 2026 sind etwa 5.050 Stellen besetzt worden (PDF). Das sind nochmals über 100 Stellen mehr als zum Schuljahresstart im Vorjahr.
Auch für das Sprachförderprogramm SprachFit läuft die Einstellung erfolgreich. 650 Stellen standen bisher für eine Einstellung zur Verfügung. Aktuell sind lediglich 90 Stellen noch offen – mehr als 85 Prozent der Stellen sind damit besetzt. Die restlichen Stellen, hauptsächlich Stellen für Kindheitspädagogik und Pädagogische Assistenzen, werden im Laufe des Schuljahres noch besetzt.
„Dies ist Resultat großer Anstrengungen der Schulen und der Schulverwaltung in der Lehrereinstellung sowie einer sich sukzessive verbessernden Einstellungssituation. Die ausgebauten Studienkapazitäten beginnen langsam Früchte zu tragen. Gerade im Bereich der Grundschulen können wir schrittweise ansteigende Bewerberzahlen verzeichnen“, sagt Jung. Bei allen positiven Trends müsse aber weiterhin auch in erheblichem Umfang auf Personen ohne Lehramtsbefähigung zurückgegriffen werden.
In den wissenschaftlichen Lehrämtern sind landesweit nur noch etwa 100 Stellen offen. Bei den Fachlehrkräften sind es aktuell noch etwa 320. Zwar sind hier keine ausgebildeten Fachlehrkräfte auf dem Lehrkräftemarkt verfügbar. Für diese Stellen können jedoch auch geeignete Personen ohne abgeschlossene Lehramtsausbildung herangezogen werden. Hierüber wird die Schulverwaltung die Unterrichtsversorgung weiter stärken.
Die Unterrichtsversorgung wird deshalb an allen Schularten bis auf die allgemein bildenden Gymnasien auf Kante genäht bleiben. Ohne weitere Stellen könnte nur ein Schülerzahlenrückgang zu einer schrittweisen Entlastung der Versorgungssituation führen.
Mobilität bei angehenden Lehrkräften weiter gering ausgeprägt
Trotz einer Vielzahl von Einstellungen gibt es nach wie vor Gymnasiallehrkräfte, die aktuell noch keine Stelle haben. Dieser Überschuss an Gymnasiallehrkräften ist zu einem Teil bedingt durch die Umstellung auf G9. Da der Ressourcenbedarf übergangsweise niedriger ist, als er das im fortlaufenden G8 wäre, gibt es weniger Einstellungsmöglichkeiten an den Gymnasien direkt. Außerdem sind seit Einführung von Navi 4 die Übergangsquoten zu Gymnasien von ungefähr 45 Prozent auf etwa 40 gesunken.
Das bedeutet, dass Gymnasiallehrkräfte derzeit – je nach Fach – flexibel sein müssen. Aufgrund der gesunkenen Bedarfe gab es zum Beispiel für bestimmte Fachkombinationen (Französisch / Spanisch) in dieser Einstellung auch gar keine Stellenausschreibungen oder nur Stellen in abgelegeneren Regionen, die wiederum kaum auf Interesse der angehenden Lehrkräfte stoßen, die weitestgehend die Ballungsgebiete bevorzugen.
Annahmen/Absagen im Zentralen Listenverfahren (ZLAV)
Beispielhaft lässt sich das am Zentralen Listenverfahren (ZLAV) ablesen. Dabei haben die Regierungspräsidien in diesem Jahr 787 Personen ein Einstellungsangebot unterbreitet. 107 Personen haben dieses Einstellungsangebot nicht angenommen, das entspricht einer Absagequote im ZLAV von 13,6 Prozent. Das bedeutet, jede achte Lehrkraft, die ein Einstellungsangebot erhalten hat, hat es abgelehnt. Durchaus bemerkenswert ist dabei eine erhebliche Zahl von angehenden Lehrkräften, die trotz eines Einstellungsangebots in dem von ihnen ausdrücklich im Einstellungsverfahren angegebenen Wunschbezirk oder ihrer Wunschschule abgelehnt haben.
Den größten Anteil bei den Absagen machen dabei die angehenden Gymnasiallehrkräfte aus. Es folgen die angehenden Lehrkräfte für Grundschulen und für die Sekundarstufe I. In diesen beiden Lehrämtern werden mit Abstand die meisten Stellen ausgeschrieben.
Vorbereitung für Mehrbedarf G9
Im Schuljahr 2032/2033 wird am G9 erstmals wieder eine Klasse 13 eingerichtet. Um bereits jetzt mit der Lehrkräfteversorgung dafür zu beginnen, hat das Kultusministerium Abordnungsstellen eingeführt. Dabei werden die Gymnasiallehrkräfte zunächst für vier Jahre an eine Schule der Sekundarstufe I oder eine berufliche Schule abgeordnet und helfen dort, die Unterrichtsversorgung zu sichern. Anschließend kehren sie, sofern sie das möchten, an ein Gymnasium zurück. Derzeit sind noch 15 Abordnungsstellen in den Stelleninfos der Regierungspräsidien Stuttgart und Karlsruhe ausgeschrieben. Hier werden neben den üblichen Mangelfächern zum Beispiel auch Deutsch und Französisch gesucht.
„In der aktuellen Situation möchte ich an die angehenden Gymnasiallehrkräfte appellieren, diese Chance wahrzunehmen. Wir brauchen die Unterstützung in den anderen Schularten – und für die Lehramtsanwärter ist es der Einstieg in eine gymnasiale Laufbahn mit einer Verbeamtung auf Lebenszeit“, sagt der Kultusminister.
Gymnasiale Stellen gibt es darüber hinaus auch an beruflichen Schulen sowie an Gemeinschaftsschulen. Gymnasiallehrkräfte können auch über eine Zusatzqualifizierung an Grundschulen und Schulen der Sekundarstufe I die jeweilige Lehrbefähigung erwerben und an diesen Schularten fest eingestellt werden.
Problematische Unterrichtsversorgung SBBZ – weiteres Maßnahmenpaket geplant
Sorgen bereitet weiterhin die Unterrichtsversorgung an den Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren (SBBZ). Dabei überlagern sich aktuell zwei ungünstige Entwicklungen: Die Zahl der Schülerinnen und Schüler mit Anspruch auf ein sonderpädagogisches Bildungsangebot steigt weiter an, gleichzeitig fehlen momentan sonderpädagogische Lehrkräfte, um die offenen Stellen zu besetzen.
Das Kultusministerium versucht bereits mit einer Vielzahl von Maßnahmen, die Situation an den SBBZ zu verbessern:
- Von 2015/2016 bis 2022/2023 wurden sukzessive etwa 1.350 zusätzliche Lehrerstellen zur Ausgestaltung inklusiver Bildungsangebote geschaffen.
- Die Studienkapazitäten (unter anderem mit einem neuen Studiengang an der Pädagogischen Hochschule Freiburg) wurden zum Wintersemester 2023/2024 nochmals von 520 auf 695 ausgebaut.
- Zudem sind Lehramtsstudiengänge von der Zweitstudiengebühr ausgenommen, um Personen mit einem ersten hochschulischen Abschluss für diesen Beruf zu gewinnen.
- Die Ausbildungskapazitäten bei den Fachlehrkräften Sonderpädagogik wurden ab dem Ausbildungsjahrgang 2024 von 150 auf 200 Plätze erhöht.
- 2023 wurde der Direkteinstieg für Fachlehrkräfte Sonderpädagogik und 2024 auch für wissenschaftliche Lehrkräfte Sonderpädagogik als Sondermaßnahme zur Lehrkräftegewinnung eingeführt und ist insbesondere bei den Fachlehrkräften sehr gut nachgefragt.
- Weitere Maßnahmen umfassen unter anderem den horizontalen Laufbahnwechsel (seit 2017 etwa 900 Absolventinnen und Absolventen für das Lehramt Sonderpädagogik) sowie zunächst aus Mitteln des Corona-Aufholprogramms „Lernen mit Rückenwind“ die Pädagogische Assistenz Inklusion (100 Vollzeitäquivalente).
Diese Maßnahmen helfen den SBBZ, mit dem stetigen Aufwuchs der Schülerschaft halten sie jedoch nicht Schritt. Eine grundsätzliche Verbesserung der Situation wird deshalb erst dann eintreten, wenn die Absolventinnen und Absolventen aus dem zusätzlichen Studiengang in Freiburg und anschließendem Vorbereitungsdienst bereit für die Einstellung sind. Mit diesen Kapazitäten wird die Schulverwaltung etwa ab dem Jahr 2031 planen können, da die Ausbildung mit Studium und Vorbereitungsdienst durchschnittlich etwa sieben bis acht Jahre dauert.

